2026: Gutsherren, Rebmeister und Tagelöhner

Martín Camenisch: Gutsherren, Rebmeister und Tagelöhner. Akteure und Diskurse der ­Bündner Weinbaugeschichte (Quellen und Forschungen zur Bündner Geschichte 41). Hg. vom Staatsarchiv Graubünden, Basel 2024. 540 Seiten. ISBN 978-3-7965-4761-4. 82,00 Euro.

Im Rahmen eines vom Institut für Kulturforschung Graubünden finanzierten Post-Doc-Projekts erarbeitete der Historiker Martín Camenisch eine umfassende Studie zur Geschichte des Weinbaus in Graubünden. Dabei spannt er einen zeitlichen Bogen vom Frühmittelalter bis ins 19. Jahrhundert, räumlich behandelt er die Weinbaugebiete von der Bündner Herrschaft über das Churer Rheintal bis ins Domleschg, geht auf das Veltlin und Chiavenna ein, die von 1512 bis 1797 Bündner Untertanenlande waren, und streift den historischen Weinbau in den Bündner Südtälern Misox und Puschlav. Im Zentrum der Untersuchung stehen die vielfältigen Akteure des Weinbaus – von kirchlichen Institutionen über aristokratische und bürgerliche Gutsherren bis hin zu Rebmeistern und Tagelöhnern.

Camenisch gliedert seine Untersuchung in fünf Teile. Den Auftakt bildet eine kritische Auseinandersetzung mit fünf zentralen „Topoi“ der Bündner Weinbaugeschichte als zählebigen Kollektivbildern, die einer quellenbasierten Analyse oft nicht standhalten: Vom „Weinbau seit der Römerzeit“ über „Die Weinberge im Tello-Testament“ oder „Die ­einheimische Completertraube“, die, obwohl nur auf winziger Fläche angebaut, geradezu von einer Art Mythos umrankt ist, den „Duc de Rohan (1579 – 1638) als Importeur des Pinot Noir“ bis hin zur „Überlegenheit des Veltlinerweins“. Hieran zeige sich, so Camenisch, „wie persistent Geschichtsvorstellungen sein können – gerade dann, wenn kein beweistauglicher Beleg mit nachhaltigem Dekonstruktionscharakter vorliegt“. Es werde „ein weiteres Mal deutlich, dass das erzählerische Flair oder gar die Suche nach dem Anekdotischen oder Aussergewöhnlichen eine ganz besondere Anziehungskraft ausüben. Entsprechende Topoi vermögen öde Kritiken, welche keine alternative Geschichte oder eben Story zu liefern wissen, kaum etwas entgegenzusetzen. Falls zusätzlich Vermarktungsabsichten im Spiel sind, scheint diese Tendenz umso stärker auszufallen“. Die Weinkulturgeschichte, das zeigt sich auch andernorts und in anderen Kontexten, ist hierfür besonders anfällig. 

Im Teil II gibt der Autor einen Überblick über die Rebsorten, die natürlichen Voraussetzungen, den Jahreszyklus im arbeitsintensiven Weinbau und geht auf die rechtlichen Rahmenbedingungen sowie auf Pachtbestimmungen und Arbeitsverhältnisse ein. Die Auswertung insbesondere von Tagebüchern erlaubt es, den Alltag im Weinbau detailliert zu rekonstruieren. So werden etwa die regional spezifischen einzelnen Arbeitsschritte des Rebjahres greifbar – von der Pflege der Reben über die Lese bis hin zur Lagerung und Vermarktung des Weins.

Den geistlichen Grundherren ist Teil III gewidmet. Kirchen und Klöster gehörten seit dem Frühmittelalter zu den wichtigsten Trägern des Weinbaus: Der Churer Bischof und das Domkapitel als Rebherren und die über 1000-jährige Geschichte von Kloster Pfäfers mit seinen Besitzungen im Bündner Rheintal zeigen dies eindrücklich. 

Im umfangreichen vierten Teil stehen die herrschaftlichen Weingüter der Adels- und Patrizierfamilien im Mittelpunkt. Für sie war der Weinbau nicht nur eine ökonomischeRessource, sondern sicherte den sozialen Status und diente der Repräsentation.Camenisch skizziert sie anhand von vier Beispielen: Schloss Baldenstein im Domleschg, Schloss Salenegg in der Bündner Herrschaft, die Landgüter der Churer Ratsherrenfamilie von Tscharner und die Weingüter des weitverzweigten Adelsgeschlechts der Salis, die vor allem in Chiavenna und im Veltlin umfangreiche Besitzungen an sich zogen, oft auf Kosten der lokalen Bevölkerung. In der frühen Neuzeit entstanden im Dreibündenstaat und in den Untertanenlanden jenseits der Alpen herrschaftliche Ensembles, die eine typische „Dreiheit“ aus Schloss oder Herrensitz, Renaissancegarten und angrenzenden Weinbergen bildeten und von Camenisch als prägendes Element der frühneuzeitlichen Kulturlandschaft herausgearbeitet wurden.

Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit Diskursen im Weinbau, die aus den Reformbewegungen infolge der Aufklärung im 18. Jahrhundert hervorgingen. Ziel war eine Modernisierung des Agrarsektors: Die Formen der Bewirtschaftung sollten verbessert, alte Agrarverfassungen überwunden werden. Gleichzeitig begann eine Verwissenschaftlichung des Weinbaus. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden zunächst in der Schweiz und dann auch im Dreibündenstaat Gesellschaften zur Förderung der Landwirtschaft im Sinne eines „ökonomischen Patriotismus“. Camenisch geht hier insbesondere auf die Pionierleistungen von Johann Baptista von Tscharner (1751 – 1835) ein, der bereits 1792 die Errichtung einer Weinbauschule in Graubünden propagierte und 1801 die Gründung eines Weinbauvereins erwog.

Ein besonderes Verdienst der Studie liegt in ihrer quellennahen Arbeitsweise. Camenisch hat eine außergewöhnlich große Zahl an Materialien ausgewertet: Urkunden, Rechnungsbücher, Korrespondenzen, agronomische Traktate sowie Tagebücher ermöglichen vielfältige Sichtweisen. Besonders hervorzuheben ist der umfangreiche Nachlass der Ratsherrenfamilie von Tscharner, der hiermit erstmals für den Weinbau ausgewertet wurde. Auf den ersten Blick mag die Weinbaugeschichte Graubündens als Nischenthema erscheinen – eine alpine Peripherie im Schatten der großen Weinregionen Mitteleuropas. Das Buch zeigt eindrucksvoll, dass der Bündner Weinbau keineswegs ein randständiges Thema ist, sondern ein Schlüssel zum Verständnis überregionaler Austauschprozesse, in denen die Alpen nicht als Barriere, sondern als Verkehrsraum zu begreifen sind.

Welche wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung der alpenübergreifende Bündner Weinbau und Weinhandel als historische Konstante besaß, sei an einem Beispiel verdeutlicht. Veltliner und Klevener Weine (benannt nach dem Umschlagplatz Chiavenna, zu Deutsch Kleven) wurden seit dem Spätmittelalter auf den Märkten zahlreicher süddeutscher Städte und darüber hinaus feilgeboten und fehlten auf kaum einer Fürstentafel. Dass sich Sortennamen wie „Veltliner“ oder „Klevner“ verbreiteten und für die Bezeichnung lokaler Rebsorten usurpiert wurden, zeigt, wie stark dieser Austausch die Weinkultur beeinflusste. Das Rätsel, wann und wie es zu dieser kulturellen Aneignung kam, ist damit nicht gelöst, doch die von Camenisch ausgewerteten Quellen liefern weitere Anhaltspunkte.

Die Studie macht zudem deutlich, unter welch schwierigen Bedingungen dieser Weinhandel stattfand. Der Transport über die Alpenpässe erfolgte stets im Winter, wenn keine landwirtschaftlichen Arbeiten zu verrichten waren und Personal für die Saumdienste zur Verfügung stand. Dies war riskant und verlustreich, wie exemplarisch das Schicksal von Mathias Perl (1751 – 1827), Landammann in Santa Maria im Val Müstair, zeigt. Er säumte als Lohnunternehmer Wein aus dem Veltlin über den rund 2500 m hohen Umbrail-Pass und verlor dabei im Laufe der Jahre insgesamt 210 Pferde und 7 Knechte bei Lawinenabgängen.

Camenisch eröffnet grundlegende Einsichten in die Geschichte des Weinbaus in Graubünden und liefert wichtige Impulse für die allgemeine Weinbau- und Agrargeschichte. Das Buch ist aufgrund langer genealogischer Ausflüge und eingeflochtener Zitate in lateinischer, schweizerdeutscher, italienischer und rätoromanischer Sprache nicht immer einfach zu lesen. Wer sich für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Alpenraums interessiert und tief in die Kulturgeschichte des Weinbaus in Graubünden und darüber hinaus eintauchen möchte, dem sei das Buch von Martín Camenisch nachdrücklich empfohlen. 

Christine Krämer, Stuttgart