2025: Zwischen Reben und Rüben. Eine Geschichte von Trauben, Wein und fünf Generationen
Wagner, Andreas: Zwischen Reben und Rüben. Eine Geschichte von Trauben, Wein und fünf Generationen. 275 Seiten, 31 z. T. farb. Abb., gebunden. ISBN 978-3-8353-5822-5.
24,00 Euro (D) / 24,70 Euro (A).
Andreas Wagner, promovierter Historiker, Winzer und Schriftsteller, führt gemeinsam mit zwei Brüdern, Ehefrauen und Eltern das Familienweingut Wagner in Essenheim bei Mainz. In seinem neuesten Buch widmet sich der erfolgreiche Krimiautor der Geschichte seiner eigenen Vorfahren und des familiären Betriebs. Das ist aber bei weitem nicht alles.
Entlang dieser Erzählstruktur verbindet der Autor Genealogie und Wirtschaftsgeschichte mit den historischen Gegebenheiten in der Weinbauregion Rheinhessen. Der Blick über den eigenen Tellerrand auf Nachbarfamilien, das Dorf und darüber hinaus, ist allgegenwärtig. Das Buch darf als wissenschaftlicher Beitrag zur Agrargeschichte des ländlichen Raums im 19. und 20. Jahrhunderts wahrgenommen werden. Gleichzeitig ist es einfach spannend. Als Leser begleitet man die Geschicke der Familie vom Gemischtbetrieb der Landwirte und Weinbauern hin zum hochspezialisierten Weingut.
Die generationenübergreifende Perspektive eröffnet den Blick darauf, wie persönliche Entscheidungen die Handlungsspielräume der nachfolgenden Generationen verschiedentlich beeinflussten. Die Zugehörigkeit der Familie zur dörflichen Oberschicht – ein später von Historiker:innen konstruierter Status – und der Wunsch, diese reale, aber kaum greifbare Position im Dorf für die eigenen Kinder zu erhalten, setzte immer wieder die Rahmenbedingungen. Insbesondere sei hierbei auf Fragen im Zusammenhang mit der Heiratspolitik, dem familiären Stellenwert von Bildung und Ausbildung, Gelderwerb, Betriebsinvestitionen und -innovationen, Modernisierung und Traditionserhalt oder auch auf den gesellschaftlich damals durchaus erwarteten, wenn nicht sogar erforderlichen, repräsentativen Lebensstil hingewiesen.
Das Buch ist sicher keine klassische Ahnenforscher-Produktion und auch keine typische Firmengeschichte. Trotzdem vereint es beides und mehr. Man erhält vielseitige und abwechslungsreiche Einblicke in vergangene Tage, die spannend, mitunter auch humorvoll, stellenweise traurig, vorgetragen werden und zum Miterleben einladen. Der Schreibstil ist nicht der eines Sachbuchs, sondern erzählend und nimmt einen mit in die Vergangenheit. Gleichzeitig werden auch schwierige Themen – wie die Judenverfolgung oder der Einsatz von Kriegsgefangenen – nicht ausgeblendet, sondern immer auf einer sehr persönlichen Ebene ausführlich thematisiert. Etwas anderes wäre auch von diesem Autor mit Blick auf sein damaliges Promotionsthema „Machtergreifung in Sachsen. NSDAP und staatliche Verwaltung 1930 – 1935“ nicht zu erwarten gewesen.
Mit einzelnen Vorfahren, wie „dem Jean“ oder „dem Geometer“ entwickelt man beim Lesen eine enge Verbindung, wie sonst nur mit den Hauptfiguren eines Romans. Als Belohnung für die oder den Lesenden steht schlussendlich das Gefühl, nicht nur die Familie und den Betrieb, sondern den Weinbau der letzten anderthalb Jahrhunderte und das innere Denken der früheren bäuerlichen Gesellschaft ein Stück besser zu verstehen. Ich bin sowohl vor als auch nach der Lektüre des Buchs als Besucher durch Essenheim spaziert und betrachte nun vieles in einem anderen Licht.
Der Autor schöpft für seine Untersuchung aus transkribierten Interviews mit Familienmitgliedern und zahlreichen gedruckten und ungedruckten Quellen, vor allem aber aus einem reichhaltigen Familienarchiv, das von den im Buch dargestellten Vorfahren stets bewahrt und erweitert wurde. Er selbst schreibt dazu: „In unserer Familie scheint sich über Generationen hinweg schon immer ein gewisser Respekt vor allem Niedergeschriebenen erhalten zu haben. Unsere Vorfahren haben gesammelt, aufgehoben und selten etwas weggeworfen.“ Das aufwendige Quellenstudium, welches hier geleistet wurde, tritt in nahezu jedem einzelnen Absatz des Buchs hervor. Es gelingt dabei der Spagat zwischen wissenschaftlich fundierter Arbeit und angenehmen Lesestoff. Eine Auswahl an historischen Fotografien und Originalschriftstücken, in denen man sich ebenfalls verlieren kann, wenn man will, und eine ansprechende klare Struktur runden das Lektüre-Erlebnis ab.
Simeon Guthier, Mainz