2025: Le goût des vins d’origine : Genèse, construction et triomphe des AOC au XXe siècle
Jacquet, Olivier : Le goût des vins d’origine : Genèse, construction et triomphe des AOC au XXe siècle. Editions Universitaires Dijon, 2024, 436 Seiten.
In seinem neuen Buch „Der Geschmack von Herkunftsweinen: Entstehung, Konstruktion und Triumph der AOC im 20. Jahrhundert“ analysiert Olivier Jacquet die Geschichte der kontrollierten Herkunftsbezeichnungen französischer Weine. 1919 als rein räumliche Abgrenzung erdacht, um das Recht an einem geographischen Namen den örtlichen Winzerverbänden zuzusprechen, werden sie bis 1935 durch die Festlegung von Produktionsbedingungen (Rebsorte, zulässiger Ertrag) zur Voraussetzung für die Verbindung des agronomischen Begriffs „Terroir“ mit einer hierarchischen Qualitätsvorstellung. Jacquet beschreibt das Zusammenspiel bei der Definition der AOC-Weine, ihrer Analyse, der Regelung der Praktiken und der Berufsausbildung zwischen verschiedenen Akteuren: öffentlichen Institutionen, Wissenschaftlern, Erzeugern und Berufsverbänden. Wie schwierig es in dieser Aufbauphase war, Qualität zu definieren, messbar und damit objektiv nachvollziehbar zu machen, zeigen die Fragen des Alkoholgehalts und der flüchtigen Säure. Der Autor stellt diese Bemühungen in den Kontext der allgemeinen Professionalisierung von Landwirtschaft und Weinbau, aber auch der Vorarbeiten europäischer Gesetzgebung. Ein Beispiel dafür ist die Formalisierung des bis dahin eher vagen Begriffs „Terroir“ im Hinblick auf dessen Einbringung in den Prozess der europäischen Harmonisierung.
Im dritten Teil zeigt der Autor, wie eine neue, standardisierte Form der Weinverkostung auf der Basis von Aromen die bisherige „technische“ Weinprobe ersetzte und dazu dienen sollte, Weine mit kontrollierter Herkunft untereinander, aber auch von Weinen ohne AOC zu unterscheiden. Dazu musste die Weinprobe als Teil eines offiziellen Kontrollverfahrens anerkannt werden, was in Frankreich erst im Zuge der europäischen Regelungen und auf Wunsch der deutschen Delegation erfolgte.
Neben Quellen aus dem Bereich der Verbände und Institutionen wie dem Nationalen Institut der Appellationen (INAO) oder der Internationalen Organisation für Rebe und Wein (OIV) kommt auch die Revue du Vin de France zu Wort, die wiederum in vielerlei Hinsicht mit den Institutionen verbunden war. Die Stimme der Weinerzeuger selbst wird außerhalb ihrer Berufsverbände nicht berücksichtigt. Dass damit wichtige Entwicklungen wie der Aufschwung der Gutsabfüllung oder des biologischen Anbaus kaum Erwähnung finden, liegt an der selbst gewählten Beschränkung des Themas.
Die Publikation besticht durch ihren Detailreichtum, die zahlreichen Quellenangaben und das umfangreiche Literaturverzeichnis. Sie bildet den Auftakt einer Weingeschichte des 20. Jahrhunderts aus einer europäischen Perspektive und eine wertvolle und unverzichtbare Grundlage für weitere Forschungen. Olivier Jacquet ist promovierter Historiker und Leiter des UNESCO-Lehrstuhls „Kultur und Tradition des Weinbaus und des Weins“ an der Université de Bourgogne in Dijon.
Karoline Knoth, Meursault