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Walliser Reb- und Weinmuseum (Hrsg.):
Rebe und Wein im Wallis. Die Geschichte von den Anfängen bis heute.

Rebe und Wein im Wallis. Die Geschichte von den Anfängen bis heute

Infolio éditions, Gollion 2010. 576 Seiten.
ISBN 978-2-88474-233-7. CHF 85,-
Bezug über: www.Weinbuch-Versand.de (Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. )

Unter der Gesamtleitung der Leiterin des Walliser Reb- und Weinmuseums in Sierre-Salgesch, Anne-Dominique Zufferey-Perisset, haben mehr als 30 Wissenschaftler, Ethnologen, Historiker, Geografen, Ampelografen, Archäologen und Botaniker ein einmaliges und reich bebildertes Gesamtwerk über die Geschichte des Walliser Weinbaus von den Anfängen bis heute vorgelegt. In rund hundert Artikeln werden sämtliche Facetten einer dreiundzwanzig Jahrhunderte alten Vergangenheit, von den Rebsorten bis zum Brauchtum, das sich im Laufe der Zeit um den Wein gebildet hat, beleuchtet. Seit dem Jahre 2002 arbeiten die vielen Forscher an dem vom Weinmuseum breit angelegten Vorhaben.
Der erste Teil dieses Buches schildert die Ursprünge, die Entwicklung und die wechselhaften Geschicke des Walliser Weinbaus zwischen dem 8. Jh. vor Chr. und dem 16. Jh. nach Chr. Zwar fehlen Zeugnisse der Weinherstellung, doch hat man Rebmesser aus der vorrömischen Zeit gefunden, die die Annahme erhärten, dass es im Wallis bereits zur Eisenzeit Rebanbau gab. In rundförmige Gefäße mit fein gearbeiteten Verzierungen, sogenannte Kreiselflaschen, füllten die Kelten ihren Wein. Traubenkernfunde lassen sich auf das 1. Jh. nach Chr. datieren.
Als Zweites wird die Entstehung eines großen Weinbaugebietes in der Spätantike und sein stetiger Ausbau bis Mitte des 14. Jh. geschildert. Um 1300 hatten die Rebflächen im oberen Rhônetal ungefähr dieselbe Ausdehnung wie in der 2. Hälfte des 19. Jh., wobei es sich überwiegend um Rotweinanbau handelte. Aus dem 14. Jh. kennt man Quellen mit den ersten Rebsortennamen: Humagne, Resi und Neyrun. Im 16. Jh. kommen vier weitere Rebsorten dazu: Muskateller, Gwäss, Gros Bourgogne und Savagnin Blanc. In einem weiteren Kapitel, das mit „Beharrung und Erneuerung“ überschrieben ist, wird die Entwicklung von 1600 bis 1830 dargestellt. Neben der Beschreibung von Rebanbau, Terrassierung sowie den Neuerungen bei der Weinbereitung werden auch die Anfänge des Weinhandels gestreift. Größeren Raum nimmt die Darstellung der Reben der Wohlhabenden, der Gemeinden und Pfarreien sowie der Chorherren ein. Unter die Lupe genommen werden auch die Steinhaufen als Relikte aus dem traditionellen Walliser Rebberg; es werden Rezepte und Praktiken zur Verbesserung des Weins und Trinksitten im Hospiz auf dem Großen Sankt Bernhard festgehalten. Nicht unerwähnt darf bleiben, dass Wein zu damaliger Zeit auch als Arznei und vor allem auch Wöchnerinnen verordnet wurde. Für sie wurde ein eigener „Kindbettbecher“ geschaffen, aus dem sie die ihnen zugedachten 30 Liter Wein tranken.
Etwa die Hälfte des Buches ist der zeitgenössischen Epoche vom 19. bis zum 21. Jahrhundert gewidmet.
Das 19. Jahrhundert gilt allgemein als der Abschied von der alten Ordnung oder als Geburt des kommerziellen Weinbaus. Mit der Säkularisierung der kirchlichen Güter als Folge der Niederlage des Sonderbunds wurden diese von reichen Familien aufgekauft und modernisiert weiterbewirtschaftet. Der Bau der Eisenbahn stimulierte den Weinhandel; es entstanden große Weinhandelshäuser und die ersten Genossenschaften wurden gegründet.
Der große Umbruch im Walliser Weinbau stand schließlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor der Tür. Die Reblaus erreichte später als in Deutschland auch das Wallis. Absatzschwierigkeiten traten aufgrund der allgemeinen Krisen und Kriege auf, obwohl die Rebfläche nicht wesentlich vergrößert wurde. Als Antwort zur Verbesserung der Situation der Winzer wurden Landwirtschaftsschulen und Kompetenzzentren gegründet. Winzer schlossen sich zur Überwindung der Absatzkrise verstärkt in Genossenschaften zusammen und auch die Weinhändler organisierten sich.
Eine ausführliche Beschreibung der letzten 60 Jahre und die großen Bemühungen um die Steigerung der Weinqualität als Voraussetzung für einen gesicherten Absatz auf den internationalen Märkten runden die Gesamtdarstellung ab. Der Tabellenanhang liefert in verschiedenen Zusammenstellungen Daten zur Entwicklung der Rebflächen, Rebsorten und Erträge. Für die letzten drei Jahrhunderte werden chronologische Orientierungspunkte übersichtlich aufgelistet und abschließend die heute geltenden gesetzlichen Grundlagen des Weinbaus aufgeführt. Eine sehr umfangreiche Bibliographie schließt das Gesamtwerk ab und bietet jedem Interessierten Gelegenheit zum Weiterstudium.
Das hier vorgelegte Werk, das von vielen Wissenschaftlern der unterschiedlichsten Disziplinen mitgestaltet wurde, stellt eine „Schweizer Premiere“ dar und ist sehr zu empfehlen.

Verfasser: Dr. Gerhard Stumm
Aus: Mitteilung der GGW 1/2012